top of page

Krise oder Ausrede? Ein kritischer Blick auf die Forderungen des HDE

In seinem jüngsten Appell beim Nikolausempfang des deutschen Einzelhandels in Brüssel hat HDE-Hauptgeschäftsführer Stefan Genth eine Pause von EU-Regulierungen gefordert. Er malt ein düsteres Bild der Branche, geplagt von einer Reihe von Krisen und Herausforderungen, die den Einzelhandel an den Rand der Belastungsfähigkeit treiben. Aber wie viel davon ist tatsächlich eine Krise und wie viel ist eine Ausrede, um strengere Regulierungen zu umgehen?

Genth betont die Belastungen, die der Einzelhandel erlebt, und nennt die anhaltende konjunkturelle Krise als Hauptgrund für die Notlage vieler Händler.


Aber ist das wirklich der Fall? Während einige Mittelständler tatsächlich unter Druck stehen, zeigen die Gewinne großer Handelsketten ein anderes Bild. Es scheint, als ob die Krise selektiv wirkt, wobei größere Unternehmen sich anpassen und sogar profitieren, während kleinere kämpfen oder aufgeben müssen.


Die Forderung nach einer “Regulierungspause” wirft weitere Fragen auf. Regulierungen, insbesondere im Kontext der EU, dienen oft dem Schutz von Verbrauchern, Mitarbeitern und der Umwelt. Sie sind Instrumente, um faire Wettbewerbsbedingungen zu schaffen und Nachhaltigkeit zu fördern.


Die Pauschalablehnung solcher Maßnahmen könnte ein Rückschritt sein und zu einem Umfeld führen, in dem nur die größten Spieler überleben können.

Genth kritisiert speziell die Zahlungsverzugsverordnung der EU und behauptet, sie würde gut funktionierende Geschäftsmodelle gefährden. Doch hier muss man sich fragen: Wie “gut” sind diese Geschäftsmodelle, wenn sie durch faire Zahlungspraktiken bedroht werden? Die Behauptung, dass der Entwurf des europäischen Parlaments unzählige Unternehmen in die Insolvenz treiben werde, klingt übertrieben. Gutlaufende Geschäftsmodelle gehen nicht einfach insolvent, weil sie sich an faire Praktiken anpassen müssen.


Genth fordert, dass der Fokus auf die Wiederbelebung der Wirtschaft und die Attraktivität Europas für Investoren gelegt werden soll. Dies ist verständlich, aber dürfen Wirtschaftswachstum und Investitionsattraktivität auf Kosten von Arbeitsbedingungen, Umweltschutz und Verbraucherrechten gehen?


Als Gewerkschafter muss man sich fragen, wessen Interessen hier wirklich vertreten werden. Ist es der durchschnittliche Händler, der ums Überleben kämpft, oder sind es die großen Handelsriesen, die ihre Dominanz ausbauen wollen? Es ist an der Zeit, dass wir eine ausgewogene Perspektive einnehmen und sicherstellen, dass die Stimmen der Arbeiter und kleineren Unternehmen nicht in dieser Debatte übertönt werden. Wir müssen vorsichtig sein, dass wir nicht der Rhetorik erliegen, die auf Kosten derjenigen geht, die am meisten Schutz brauchen.

30 Ansichten0 Kommentare

Aktuelle Beiträge

Alle ansehen
bottom of page